Benney – Andelot-Blancheville

Heute kommen wir früh los, kurz nach zehn. Sind nämlich sehr früh aufgestanden weil Volkers Wecker um halb sieben geklingelt hat. Es ist wie immer: Ich wache davon auf und er schläft weiter. Aber hier auf der Reise finde ich es nicht schlimm. Zu Hause hätte ich eine Szene gemacht. Oben auf der Höhe beim Bauern ist es so windig, dass es ewig dauert bis die Eier gekocht sind. Das Wasser kocht eigentlich gar nicht, wird lediglich irgendwann ein bisschen heiß. Ich frage die Bäuerin nach vielen Sachen: Badestelle, Tankstelle, Eier und nochmal Milch kaufen. Wasserkanister auffüllen will ich dann nicht auch noch fragen, ein Fehler.

Sie zeigt erst mir und dann uns allen die Hasen mit Babys, und die Hühner. „Caresse“, sagt sie zu Toni. Ich wundere mich, wie sauber ihre Füße in den Flipflops aussehen. Sie zeigt uns einen Hasen, der mit einem Ohr geboren wurde. So sagt sie es: „Il est né avec un oreil.“ Ich übersetze erst: Auge. Dann holt sie den Hasen raus und ich sehe: Ohr. Wir kaufen nochmal eineinhalb Liter Milch und sechs Eier, für 2,50 €, so wenig. Und fahren tatsächlich dorthin, wo wir gestern die Mosel überquert haben, es war tatsächlich die Mosel. Wir fahren den Düdo vor der Brücke runter einen kleinen Weg, dort arbeitet Volker und ich gehe mit den Kindern eine flache Stelle suchen.

Wir laufen einen Trampelpfad parallel zum Wasser lang, Toni läuft vorweg, munter und abenteuerlustig. Wir überqueren ein Steinfeld, Steine und Sand, freie Fläche, dahinter eine kleine Böschung und finden wieder die Mosel, mit der Stelle die wir gesucht haben. Flach und breit, man könnte rüber waten. Kiesel überall, und sogar Schatten. Das Licht gleißt wieder. Das Wasser ist so klar. Ich meine mich an ein Werbe-Foto aus einer Mosel-Wein-Broschüre zu erinnern, das genau dieses Wasser zeigt. Es fließt, und darunter diese bemoosten Kiesel. Toni zieht sich sofort aus, Peppi tun die Steine an den Füßen weh und sie will nicht vom Arm runter. Toni planscht erst ein bisschen, backt dann einen Matschkuchen im Schatten. Ich laufe mit Peppi durchs Wasser, sie klammert sich fest. Der Fluss ist ihr unheimlicher als der See gestern.

Ich gehe so weit ins Wasser bis meine Hosenbeine, bis zu den Knien hochgekrempelt, nass werden. In der Mitte ist die Strömung deutlich zu spüren. Peppi ist total hungrig, weil sie nichts gefrühstückt hat. Wir haben nur Melone dabei, die ihr sonderbarerweise nicht schmeckt.

Am Düdo dann schnelles Mittagessen, die hartgekochten (hartgewärmten) Eier, Tomaten, Brot und Käse. Und Bekanntschaft mit einem Einheimischen der seinen Hund hergefahren hat. Er winkt uns beim Vorbeifahren zu, als er zurückkommt, hält er an und steigt aus. Was will er? Plaudern. Er ist schwer zu verstehen. Seine Hosenbeine und Schuhe sind nass, der Hosenstall steht offen. Er sei seinem Hund ins Wasser nachgesprungen, erklärt er, der sei noch jung und lerne erst schwimmen. Er findet „impecable“ was wir machen und sagt, dass er im Fernsehen Reportagen über Leute wie uns gesehen habe. Er ist nett, aber die Kinder sind todmüde, wir müssten einpacken, losfahren. Ich habe keine Ahnung, wie ich ihn freundlich verabschieden könnte ohne ihn vor den Kopf zu stoßen, mein Französisch ist sehr löchrig geworden.

Die Tankstelle vor dem Autohaus, die freundliche Autohaus-Frau, alle so freundlich. 30 Euro und 1 Cent. Wir tanken nur halbvoll, weil Diesel so teuer hier und heute.

Wir sind wieder zu Forellen unterwegs. Die Landschaft jetzt flacher und agrarischer. Die Ortschaften nach wie vor zum Niederknien schön. Diese Farben, warum passt das alles so gut, Haus und Fensterläden und Zeug davor. Die Leute bepflanzen ihre Vorplätze. Champagne-Ardenne. Eine Deviation, das Navi ist irritiert. Wir zweifeln, wie lange wir der Deviation folgen sollen, wann wieder aufs Navi hören. Die Deviation ist ewig, kann denn so ein riesiges Stück Straße gesperrt sein? Schließlich folgen wir wieder dem Navi, es führt uns eine schmale, fast schnurgerade Straße durch Felder, menschenleer. Dann sind wir wieder auf der Hauptstraße, auf die wir wollten.

Sie führt uns nach Andelot. Ich fotografiere den Düdo auf dem Dorfplatz. Wir fahren weiter, fahren vorbei, weil die Wegbeschreibung im Führer den Weg aus der anderen Richtung beschreibt, also wenden, dann finden wir es. Die Forellen sind ganz anders als die in Abreschviller. Ein Etang. Also ein Teich zum selber angeln, keine Zuchtfarm. Unter einem Sonnenschirm auf Plastikstühlen eine Gruppe Leute, viele Kinder. Davor die Fischbecken. Ich gehe auf die Gruppe zu, eine Frau kommt mir entgegen, klein, untersetzt, in rot. Ich denke erst ich bin falsch, weil sie so aussieht, als ob sie wissen will was ich will, dabei habe ich doch den France-Passion-Führer in der Hand. Sie sagt, oui, als ich sage wer wir sind, und dass wir uns an den Etang stellen können wenn wir bei ihr etwas trinken oder einen Fisch kaufen. Ihr Domestike (ich halte ihn erst für ihren Mann, aber da liege ich falsch) winkt uns durchs Tor, der Etang ist eingezäunt.

Es gibt eine gelbe Schaukel. Das Wasser ist tümpelig, aber sauber. Enten, Gänse, Wasserpflanzen. Und riesige Fische. Wir beschließen, gleich etwas zu trinken bei den Leuten. Man macht uns einen Platz im Schatten zurecht. Es gibt keine Limo, nur Cola. Na denn. Für uns je ein Bier, kleine französische Größe, 0,25l, ist in zwei Schlucken leer. Für Toni eine Cola. Der Domestike bringt zwei Plastikbecher weil er denkt, dass Peppi mittrinken würde. Ich lasse sie einen Schluck Cola probieren, zum Glück schmeckt es ihr nicht.

Alle sind irre hungrig. Vollkornnudeln mit aufgepeppter Bolognese-Soße aus dem Glas (Karotten, Tomaten, Zwiebeln frisch). Drüber Parmesan aus der Tüte. Dann ist auch fast alles weg, und morgen müssen wir wieder einkaufen. Beim Essen turnt Peppi auf meinem Oberschenkel rum, balanciert, lacht. Dann überfällt sie uns alle von hinten. Wie ein kleines Tierchen kommt sie, klammert sich am Rücken fest, zieht die Füße hoch. Es ist schön.

Nach dem Essen mit dem Bollerwagen nach Andelot. Es ist viel näher als ich gedacht hätte. In Nullkommanix stehen wir wieder auf dem Dorfplatz. Die Kinder laufen im Kreis um eine zum Gedenken an Veteranen bepflanzte Stele. Alles ist aufregend, alles ist zum Spielen. An einem leerstehenden Haus wachsen Trauben. Sie sind sauer und erfrischend. Dann zur Kirche, vorbei an Gärten, und vorbei an einem Fenster auf Hüfthöhe darin ein Vogelkäfig mit gelben Wellensittichen. Alles ist so unwirklich, wie aus einem Buch.

Auf dem Rückweg füllt Volker den Kanister im Bach, tritt dabei aus Versehen mit dem Schuh ins Wasser, es macht ihm offenbar nichts aus. Er findet einen Kiesel, auf den jemand mit schwarzem Filzstift „mes interdits“ geschrieben hat. Als der Stein später trocknet, ist die Schrift nicht mehr zu erkennen. Als wir die Tür zum Etang aufstoßen, empfangen uns drei Gänse. Volker holt Peppi vorsorglich aus dem Bollerwagen. Die Gänse sind respekteinflößend. Sie wollen uns nicht so richtig durchlassen, geht dann aber doch.

Ich koche noch die Milch ab die wir heute Morgen – vor einer Ewigkeit – bei der netten Bäuerin gekauft haben. Probiere ein Foto vom innen erleuchteten Düdo zu machen, plötzlich ungewöhnliche Flammen am Kocher, eine Schrecksekunde, dann kapiere ich was los ist: Die Milch kocht über. Schon alles ganz weiß. Ich drehe das Gas ab, wische auf, schade um die gute Milch, gut dass nichts Schlimmeres passiert ist.

Wir sind die einzigen am Etang, außer dem Domestiken, der in einem unfassbar ollen Wohnwagen schläft. Katharina ist draußen unterwegs, ich finde es etwas unheimlich.

Peppi hat vorhin „bonjour“ gesagt.

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