Ounagha, Camping des Oliviers

Die zwei Wochen Umbaustelle. Anfangs ist es nachts noch so kalt, dass wir die Matratze wieder aus dem eigens aufgebauten Zelt in den Düdo zerren. Am Ende ist eine Nacht so lau, dass die warme Luft einem die Haut liebkost.

Wir stehen – die ganze Familie – in der Straße der Metallbauer und gucken. Nebenan hantiert ein etwa zehnjähriger Junge mit einer riesigen Flex. Er hat, wie alle anderen Metallarbeiter, keine Schutzbrille auf. Ich sehe dem Kind bei der Arbeit zu und habe – ja, was eigentlich? Mitleid ist es nicht. Ich bin fasziniert, wie geschickt das Kind mit dem Gerät umgeht. Ich habe Angst, dass trotzdem etwas passiert. Die Leute tragen Flip Flops bei ihrer gefährlichen, harten Arbeit. Wir sind aufgekratzt davon, dass der Düdo-Umbau endlich begonnen hat. Und davon, dass wir auf dieser heißen Straße mitten in der marokkanischen Pampa stehen und der Wind den Geruch von flüssigem Metall zu uns hinüberträgt.

Wir stehen noch da und lachen schicksalsergeben, als wir sehen, wie nah der Bagger an der Düdoschnauze vorbeirangiert. Der Schmied, der uns den Stahlträger abflext, auf dem bisher das Fußende unseres Bettes ruhte, hat gerade eine riesige Baggerschaufel fertig geschweißt. Jetzt probiert der Baggerfahrer, das Ding mit dem Baggerarm in die richtige Position zu schubsen, um es aufzunehmen. Alles keinen Meter vom Düdo entfernt. Wir sehen die Gefahr. Aber wir schreiten nicht ein, weil wir wissen, dass außer uns keiner ein Problem sieht, und dass es daher mit allergrößtem Aufwand verbunden wäre, den Düdo einen Meter zurückzusetzen.

Im Düdo wird gerade geschweißt. Die Matratze – unsere sündhaft teure Naturkautschukmatratze, dieser Wahnsinnskauf von vor vier Jahren, als wir dachten, jetzt richtig sesshaft zu werden – diese Matratze liegt braun angeschmort und durchweicht neben dem Düdo auf einer halbfertigen Metallbank. Funkenflug. Sie es zum Glück rechtzeitig gemerkt, bevor sie ganz abgefackelt ist und haben Wasser drauf gekippt.

Peppi sagt, dass sie Angst um den Düdo hat. Toni sagt, dass sie Angst um den Düdo hat. Statt auf unsere weisen Kinder zu hören, nehme ich Peppi auf den Arm und Toni an die Hand und schlendere mit ihnen die 500 Meter zum Campingplatz zurück, Ounagha ist klein. Der Schmied ist sicher gleich fertig, Volker muss nur noch zahlen und mit dem Düdo nachkommen.

Aber Volker kommt nicht. Ich denke frohgemut, dass das sicher bedeutet, dass der Schmied uns noch etwas anderes, Nützliches schmiedet. Wir haben alle Hunger, es ist längst Abend. Zum Glück finde ich einen Becher, altes Brot und H-Milch, brocke uns das Brot in die Milch. Irgendwann kommt Volker und sagt, dass der Düdo kaputt sei. Der Bagger habe die Windschutzscheibe zertrümmert. Ich denke, dass Volker einen Witz macht.

Es ist kein Steinschlag, eher ein Felsschlag. Ein Hieb mit dem Baggerarm. Wir könnten so nicht fahren. Im ersten Moment finde ich es lustig, nicht schlimm. Es ist so filmhaft kurios.

Im Düdo drin ist ein Sternenhimmel-Muster aus kleinen und mittleren Brandflecken auf unserem gelben Linoleum, in großzügigem Radius rund um die Schweißstellen. Des Schmieds lakonischer Kommentar: „C’est toujour comme ca.“

Die Kerbe in der Gasleitung entdecken wir erst am nächsten Tag. Wir schmieren Sika Flex drauf.

Ali bringt uns als Zeichen seiner Anteilnahme Couscous und einen Zitronenkuchen. Der Kuchen schmeckt den Kindern nicht, zum Glück, so bleibt mehr für uns. Uns schmeckt er fantastisch.

Es geht langsam voran. Immer wenn Ali da ist und wir Sachen einbauen, bin ich beschwingt und froh, aber dann stockt der Fortschritt wieder für halbe oder ganze Tage, ohne dass wir wissen, warum. Ich versuche, Ali zu vermitteln, dass wir Klarheit brauchen, wann er in seiner Werkstatt arbeitet und wann er zu uns kommt. Wir glauben schon, dass er die meiste Zeit für uns arbeitet, aber er hat eben, anders als angekündigt, nur das Holz für die Wände vorbereitet, das andere noch nicht. Es gibt in Marokko keine fertigen Holzplatten, sondern Ali kauft Latten und klebt die dann zu Platten zusammen. Diese vorbereitende Arbeit dauert ewig. Wir hängen indes auf dem Campingplatz herum.

Einmal ist eine Kröte in der Dusche. Zum Glück warnt mich Toni. Sie sagt: „Da hüpft was.“ Ich hätte sonst, wenn das Tier mir unvorbereitet an die Wade gesprungen wäre, einen Herzinfarkt bekommen. Toni sagt: „Vielleicht will die auch duschen.“ Ich sage: „Wahrscheinlich nicht mit heißem Wasser.“ Wir manövrieren die Kröte mithilfe unserer Waschschüssel aus der Duschkabine, denn weder Toni noch ich möchten sie in die Hand nehmen. Volker trifft immer nur daumendicke Kakerlaken in der Dusche, die aber stets von alleine in die Nacht verschwinden.

Wir haben uns ziemlich nah zum Eingang gestellt, damit Ali einen kurzen Weg hat. Am Rand der Rasenfläche ist eine Rosenhecke mit einem Torbogen. Ich starre zweimal in der Minute auf diesen Torbogen und hoffe, Ali mit fertigen Brettern unterm Arm zu erblicken.

Die ganzen Kinder, die Toni kennenlernt. Der Spielplatz auf dem Campingplatz ist offen für die Kinder des Ortes, das ist für uns natürlich ein Glücksfall. Toni will immer auf den Spielplatz, sobald sie hört, dass Kinder da sind. Leider ist der lebensgefährlich. Lauter Metallgeräte mit scharfen Rostkanten. Fünf Schiffsschaukeln in einer Reihe. In weitem Bogen schwingend entwickelt jede vermutlich in etwa die Stoßkraft eines wütenden Nashorns. Einmal rennt Peppi in die Flugbahn von dem vollbesetzten Ding. Volker rettet sie in letzter Sekunde. Trotz unserer Sorge lassen wir Toni alleine hin, wir sind so begeistert, wie unbefangen sie mit den einheimischen Kindern spielt.

Gleichzeitig ist offensichtlich, wie viele Bedürfnisse bei ihr trotz der Kinder unerfüllt bleiben. Toni spricht viel vom Kindergarten, von ihren Freunden. Sie sagt, dass sie schon ein Luchs wäre, wenn sie im Kindergarten wäre, und fragt sich, wann sie jetzt ein Luchs wird. Es ist ihre erste langanhaltende Heimwehphase. Wir hoffen, dass es am Umbau liegt, also daran, dass unser jetziges Zuhause, also der Düdo, sich gerade nicht heimelig anfühlt. Wir hatten gedacht, dass sie Berlin, das Stadtgut, den Kindergarten, viel schneller vergessen würde. Das ist aber nicht so. Sie sagt, dass sie wieder in einer Wohnung wohnen will. Sie sagt, dass sie unsere Wohnung nicht den Leuten schenken will, die jetzt darin wohnen. Wollten wir auch nicht, ist aber leider geschehen.

Die neue Windschutzscheibe kommt an, der Schmied bringt uns zu Kamal, Kamal setzt die neue Windschutzscheibe ein. Er bittet mich, Werbung für ihn zu machen. Le voilà: Saubere Arbeit, die Scheibe sitzt, der Rahmen ist fachgerecht geradegebogen, wir kommen ohne Kollateralschäden aus der Werkstatt. Seine Spezialität sind aber Lackierarbeiten. Wer einen verrosteten Bus aufmöbeln lassen will, dem empfehlen wir hiermit Kamal. Kontaktdaten auf Anfrage.

Ich bin weniger Alis Watchdog als seine Assistentin, das ist natürlich gut. Er redet mit mir wie der Arzt mit der Arzthelferin am Operationstisch: Hammer. Bohrer. Akkuschrauber. Sein Kollege scherzt: „Tu apprends le métier!“ Vor allem lerne ich lauter französische Werkzeug-Vokabeln. Und bin natürlich trotzdem der Watchdog mit dem Zollstock. Ali mag ein Meister seines Faches sein, Abmessen ist nicht sein Ding. Ich sehe mit bloßem Auge, dass seine Winkel nicht rechtwinklig sind und seine Regalbretter nicht horizontal. Warum sieht er es nicht? Trotzdem: Wenn wir alles selber pingelig abmessen würden, würden wir nicht zwei Wochen sondern zwei Monate brauchen. Der Kompromiss aus Alis Schnelligkeit im Einbau und meinem Zollstock ist nötig. Ich bin froh, dass er mir meine Nachmesserei nicht übelnimmt. Die Stimmung bleibt bis zum Ende gut. Wir lernen uns richtig ein bisschen kennen.

Gegenüber die üblichen französischen Rentner. Der Mann sitzt vor seinem Wohnmobil und guckt uns dabei zu, wie wir um den Düdo hasten. Seine Schienbeine sind lila angelaufen. Toni hält uns auf dem Laufenden, was „der Mann mit den lila Beinen“ so macht, meistens nichts. Solange wir noch auf die Windschutzscheibe warten, rät er uns, täglich beim Schmied nachzufragen. Volker, der am meisten mit ihm zu tun hat, weil er der Höflichste von uns ist, sagt, dass er etwas dement wirkt.

Unsere Stammläden. Obst bei dem vornehmen älteren Herrn an der Ecke. Es ist bei ihm so billig, dass ich ständig mutmaße, er habe sich zu seinen Ungunsten verrechnet. Er spricht kein Französisch, so kann ich der Sache nicht auf den Grund gehen. Er schenkt Peppi eine Orange. Zwischen den Obstkisten spielen Babykätzchen.

Wir schicken Toni alleine einkaufen zu dem netten Krämer kurz hinter Alis Werkstatt. Es fängt an mit Bonbons, 10 Stück für einen Dirham, dann schicken wir sie morgens auch Brot holen. Einmal gebe ich ihr fünf Dirham und den Auftrag, vier Brote zu kaufen, und von dem einen Dirham, der übrig ist, Bonbons. Statt dessen kommt die kleine Amazone mit drei Broten und zwei Schokoriegeln zurück. Einen davon hat sie für Peppi vorgesehen, sie denkt immer an ihre kleine Schwester.

Nirgendwo bisher hatten wir so einen musikalischen Muezzin. Der erste Gesang, vor Sonnenaufgang, ist der Melodischste. Ich wache leider nur in den Nächten davon auf, die wir im Zelt verbringen. Es klingt wunderschön. Immer wenn die Lautsprecher knacken und der Ruf ertönt, sagt Peppi mit wichtiger Mine: „Der Muezzin ruft!“ Irgendwann singt sie ihre Version des Allahu Akbar: „Alle Bagger!“

Vier Tage lang sagt Ali, dass er morgen fertig ist. Am fünften Tag ist wirklich alles fertig, bis auf die Kisten. Wir verstauen unsere Habseligkeiten, die sich zwei Wochen lang neben dem Düdo auftürmten, wieder im Düdo, ich montiere noch das Brett über der Heizung, das wir als Tritt nach vorne nutzen wollen. Seit sich die Arbeitsteilung etabliert hat, dass Ali die Bretter liefert und ich sie abends mit Volker einbaue, kommen wir voran. Es sieht toll aus. Ich hole die Familie für die Präsentation, stelle mich auf unseren Laufsteg, da kracht es, und das Brett faltet sich zusammen. Ali, den ich mit ernster Miene dazu bitte, sagt, dass der Kleber noch nicht trocken gewesen sei. Er müsse sechs Stunden trocknen, und dürfe erst danach belastet werden. Ob ich das verstanden hätte? Ich sage, dass ich es verstanden habe, und füge etwas fassungslos hinzu, dass ich es gerne vorher gewusst hätte.

Abends feiern wir vier trotzdem eine Party.

Am nächsten Morgen bringt Ali das reparierte Brett, hüpft probehalber darauf herum, um die Stabilität zu demonstrieren. Ich sage, dass ich ein Knaxen gehört hätte. Auf dem Eimer mit dem Holzkleber steht nirgends die Zahl 6, dafür die Zahlen 12 und 22. Als Ali weg ist, hebe ich das Brett an, es zerbricht mir zwischen den Händen. Ali, den ich mit ernster Stimme anrufe (er ist nach Essaouira gefahren, um das Holz für unsere Kisten zu kaufen), verspricht, bis Samstag ein neues Brett zu zimmern.

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